Alles eine Frage der Haltung

Die Wertelandschaft in Deutschland ist vielfältiger als die Sorge vor einer Polarisierung der Gesellschaft vermuten lässt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung, die zugleich deutlich macht: Trotz unterschiedlicher Werteinstellungen teilen die Menschen elementare Überzeugungen – und sie wollen, dass drängende gesellschaftliche Herausforderungen angegangen werden. So glauben fast drei Viertel der Befragten, dass wir tiefgreifende Veränderungen brauchen, um den rasant fortschreitenden Klimawandel zu bewältigen. Zugleich ist mehr als die Hälfte der Ansicht, dass es (zu) ungerecht in der Welt zugeht. Genauer differenzieren lassen sich diese Einstellungen, wenn auf verschiedene Wertemilieus geschaut wird. Sie dienen – empirisch fundiert – zur Beschreibung der gesellschaftlichen Wertepluralität und geben die unterschiedlichen Werthaltungen, die in unserer Gesellschaft vertreten werden, verdichtet wieder. Ebenfalls zur Differenzierung beitragen können soziale Faktoren, wie etwa das Einkommen und der Bildungsstand. Wie sich all das auf Einstellungen zu gesellschaftlichen Zukunftsfragen auswirkt und in welcher Weise sich Menschen mit materialistischen Einstellungen von allen anderen unterscheiden, lässt sich im Detail in der im August 2021 erschienenen Studie der Bertelsmann Stiftung nachlesen. Ich habe sie mit viel Freude als Redakteurin und Lektorin begleitet.

BERTELSMANN STIFTUNG (HRSG.)
DR. YASEMIN EL-MENOUAR, DR. KAI UNZICKER
Klimawandel, Vielfalt, Gerechtigkeit. Wie Werthaltungen unsere Einstellungen zu gesellschaftlichen Zukunftsfragen bestimmen

Politischer Streit hin oder her: Kümmert euch um die wirklich wichtigen Fragen – ein Gastbeitrag der Studienautor:innen für das RND.

Exportiert bei lebendigem Leibe

Um einen besseren Tierschutz bei Transporten geht es Animals’ Angels. Die Tierschutzorganisation setzt sich auf vielfältige Weise für die Lebewesen einsetzt, die wir gemeinhin als “Nutztiere” bezeichnen. Für die Agrarindustrie sind sie ein Produkt, das mit möglichst niedrigen Kosten weiterverarbeitet werden soll. Deswegen wird jedes Nutztier im Laufe seines Lebens mindestens einmal transportiert. Oft gehen diese Transporte über viele Tage und setzen die Tiere extremsten Bedingungen aus – Hitze, Kälte, drangvolle Enge. Vorgeschriebene Pausenzeiten werden nicht eingehalten, Tränkanlagen funktionieren nicht oder sind nicht zugänglich, sodass die Tiere unter Durst und Hunger leiden. Bestehende europäische Tierschutzvorschriften sind zum Teil zu vage gefasst, vor allem aber wird ihre Einhaltung viel zu wenig kontrolliert. Animals’ Angels-Teams sind auf den Straßen in Europa, an den europäischen Außengrenzen und darüber im Einsatz, leisten, soweit es geht, Erste Hilfe für die Tiere und dokumentieren Missstände minutiös. Mit ihren Berichten legen sie bei den Behörden Beschwerde ein und erstatten Anzeige nach Maßgabe bestehender Gesetze.

Die Organisation genießt durch ihre sachorientierte, hochprofessionelle Arbeit große Anerkennung und ist mit ihrer Expertise gefragt. Wer hier mitarbeitet, muss allerdings sein Herz für Tiere verbinden mit der Bereitschaft, schwer erträgliches Leid auszuhalten und kräftezehrende Einsätze durchzustehen.

Ich bin stolz, gemeinsam mit meiner Geschäftspartnerin, der Grafikerin Ute Vogt, seit einigen Jahren die Jahresberichte von Animals’ Angels redaktionell zu betreuen. Die Organisation legt großen Wert auf ihre Unabhängigkeit und finanziert sich daher ausschließlich über Spenden. Ich kann eine Unterstützung sehr empfehlen.

Entwicklungszusammenarbeit in Zeiten des Klimawandels

Der aktuelle Jahresbericht von “Menschen für Menschen” ist erschienen und gibt einen facettenreichen Einblick in die Arbeit der Stiftung in Äthiopien. Gemeinsam mit meiner Geschäftspartnerin, der Kommunikationsdesignerin Ute Vogt, freue ich mich, dass wir auch in diesem Jahr zum Gelingen dieses Projekts beitragen konnten.

In der Entwicklungszusammenarbeit lassen sich heute soziale und Umweltschutzaspekte nicht voneinander trennen. Deswegen gehören auch Wiederaufforstungsprojekte zum Portfolio der Stiftung. Die Menschen in den Projektregionen in Äthiopien packen hierbei mit an, weil sie erkennen, dass wiederbewaldete Hügel weniger anfällig für Erdrutsche bei Starkregen sind. Das schützt ihre Felder am Fuß der Hügel. Zugleich wirken sich die jungen Wälder positiv auf das Mikroklima aus und Wasserquellen werden stabilisiert.

Das Ganze ist aber nur erfolgreich, wenn den sich selbst versorgenden Bauern Alternativen für ihren Bedarf an Holz und Viehfutter zur Verfügung stehen. Dazu werden jenseits der wiederbewaldeten Schutzzonen schnellwachsende Bäume wie Eukalyptus gepflanzt. Außerdem erhalten die Familien holzsparende Öfen.

Die wichtige Arbeit der Stiftung “Menschen für Menschen” lebt von Spenden. Wer dazu beitragen möchte, kann das hier tun.

Welchen Preis hat unsere Mobilität?

In der Evangelischen Akademie Frankfurt diskutiere ich am 4. September 2019 mit Kai Schlegelmilch vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, Dr. Astrid Matthey vom Umweltbundesamt, Prof. Dr. Yvonne Ziegler von der Frankfurt University of Applied Sciences sowie Cara Speer von Fridays for Future Wiesbaden über die Kosten unseres Mobilitätsverhaltens. Dabei geht es nicht nur um den Preis, den wir jetzt für einen Liter Benzin oder eine Flugreise nach Mallorca bezahlen, sondern auch um die Bewertung der Umweltkosten, die sich bislang nur bedingt in den Marktpreisen widerspiegeln. Besondere Aktualität erhält die Fragestellung dadurch, dass noch in diesem Monat das Klimakabinett der Bundesregierung seine Maßnahmen für einen wirkungsvolleren Klimaschutz vorstellen will. Die Frage nach dem “gerechten Preis” spielt in der politischen Debatte eine wesentliche Rolle.

Mehr Informationen zu der Veranstaltung des Evangelischen Stadtdekanats Frankfurt und Offenbach, dem Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN sowie dem Beirat Flughafengespräche hier.

Berichte von der Veranstaltung hier und da.

Die Mitte wird populistischer

Wer mehr darüber erfahren will, wie sich die Wählerschaft in Deutschland in Bezug auf populistische Neigungen verändert hat, sollte das aktuelle Populismusbarometer der Bertelsmann Stiftung zur Hand nehmen, das ich lektorieren durfte. In dieser erkenntnisreichen empirischen Studie wird deutlich: Die politische Mitte – die sich ihrem Selbstverständnis nach weder besonders links, noch besonders rechts versteht – denkt zunehmend populistisch. Als populistisch definieren die Autoren Robert Vehrkamp und Wolfgang Merkel eine bestimmte Vorstellung von Demokratie, die von dem Gegensatz zwischen einem weitgehend homogenen Volk und korrupten Eliten und somit der Identifizierbarkeit eines “wahren” Volkswillens ausgeht.

Zugenommen hat die Populismusneigung vor allem unter den Wählerinnen und Wählern von CDU/CSU und FDP. Am umpopulistischsten zeigen sich die Anhänger der Grünen. Profitieren vom zunehmenden Populismus in der Mitte kann jedoch vor allem die AfD. Die Studienerkenntnisse lassen sich daher als Weckruf vor allem an die bürgerlichen Parteien verstehen, der Versuchung des Populismus nicht zu erliegen, wenn sie ihre unpopulistisch gesinnte Wählerschaft in der Mitte nicht verlieren wollen.

Populismusbarometer 2018 (PDF)

 

Spenderkommunikation: Auf das Konzept kommt es an

Beim 3. Fundraising-Festival der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers dreht sich diesmal alles ums Fliegen. In dem Workshop, den ich übernehme, geht es mir um die Bedeutung einer strategisch durchdachten Kommunikation und überzeugender Argumente für die Gewinnung gerade auch großer Spender. Also: erst mal Luft holen, Konzept entwickeln, Botschaften durchdenken. Wer weiß, wohin er will und warum, vergisst die Flugangst.

Besonders freue ich mich darauf, zum Abschluss des Festivals seinen Höhepunkt – die Verleihung des 7. Fundraisingpreises – zu moderieren.

Mehr Informationen hier.

Neues europäisches Datenschutzrecht: Update oder Upgrade?

Den 25. Mai 2018 darf man sich mit Blick auf den Schutz personenbezogener Daten ruhig rot im Kalender eintragen: Ab dann gilt die europäische Datenschutzgrundverordnung unmittelbar in allen Mitgliedsstaaten und vereinheitlicht so das Datenschutzrecht in der Europäischen Union. Was folgt daraus für Verbraucher sowie für Behörden und Unternehmen, die Daten verarbeiten? Diese und andere Fragen stehen im Mittelpunkt einer Veranstaltung der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz am 16. April in Mainz, die ich mich freue zu moderieren.

Mehr Informationen hier.

Wo Populisten Zuspruch finden

Was sind das für Menschen, die Sympathie für (rechts-)populistische Positionen zeigen? Dieser Frage widmet sich eine Studie der Bertelsmann Stiftung, die ich redaktionell betreuen durfte. Zahlreiche, vorwiegend politikwissenschaftliche Untersuchungen haben sich der Thematik bereits angenommen und zum Beispiel herausgefunden, dass sozioökonomische Faktoren wie ein niedriges Haushaltseinkommen und Bildungsniveau hierbei eine Rolle spielen. Auch ist die Neigung zu (rechts-)populistischen Positionen in Ostdeutschland und in ländlichen Regionen verbreiteter. Allerdings reichen diese Erkenntnisse nicht aus, um das Phänomen des gegenwärtig aufstrebenden Populismus zu erklären und sie sind auch nicht immer passgenau. Der aktuelle Regionalsurvey der Bertelsmann Stiftung, eine repräsentative Befragung, die der Studie “Vom Unbehagen an der Vielfalt” zugrunde liegt, geht deswegen anders vor: Gefragt wurde hier nach den Haltungen zu gesellschaftlicher Vielfalt, weil antipluralistische Einstellungen neben anderen Merkmalen kennzeichnend für den (Rechts-)Populismus sind. Der Survey erlaubt einen differenzierten Blick auf das Segment der Bürgerinnen und Bürgern, die sich mehr als andere mit der wachsenden kulturellen und religiösen Diversität in unserer Gesellschaft schwertun. Dabei stellte sich heraus: Das Spektrum der “Antipluralisten” ist ziemlich disparat. Hier finden sich nicht nur solche, die sich als sozial abgehängt erleben, sondern auch Etablierte, die ein konservatives Weltbild vertreten und glauben, etwas zu verlieren zu haben. Fazit: Ein genauer Blick und differenzierte Strategien sind erforderlich, um der aktuellen populistischen Herausforderung glaubwürdig etwas entgegenzusetzen und für Akzeptanz gesellschaftlicher Vielfalt zu werben.

Die Studie “Unbehagen an der Vielfalt” zum Download hier.

Muslime: Integriert, aber nicht akzeptiert

Muslimische Einwanderer sind in Deutschland und anderen europäischen Ländern angekommen. Das zeigt eine aktuelle Studie zum Religionsmonitor 2017 der Bertelsmann Stiftung, die ich redaktionell betreut habe. Auf verschiedenen Feldern der Sozialintegration – Sprachkompetenz, Bildung, Teilhabe am Arbeitsleben und und interreligiöse Kontakte – finden sich über die Generationen hinweg immer weniger Unterschiede zur einheimischen Bevölkerung, trotz schwierigerer Ausgangsbedingungen der Zuwanderer. In Deutschland verläuft die Integration in den Arbeitsmarkt besonders erfolgreich, während das hiesige, früh separierende Schulsystem einer zügigen Bildungsintegration eher im Wege steht.
Bei der positiven Integrationsbilanz außen vor bleiben die frommen Muslime: Sie finden bei gleicher Qualifikation schwerer einen Job. Auch verdienen sie erheblich weniger als Muslime, die ihre Religion nicht ausüben. Anders übrigens als in Großbritannien, wo die institutionelle Gleichberechtigung des Islam deutlich weiter ist und sichtbar gelebte Religion im Arbeitsleben kein Tabu. So dürfen britische Polizistinnen schon seit zehn Jahren im Dienst ein Kopftuch tragen.

Gelingende Integration ist also kein individuelles Programm, sondern, das zeigt die Studie, sie hängt entscheidend von staatlichen, wirtschaftlichen und von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Insofern ist die fehlende Akzeptanz von Muslimen ein echtes Integrationshindernis in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft: 19 Prozent der im Religionsmonitor befragten Bürger in Deutschland geben an, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen.

Was bleibt zu tun? Um Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, nennt der Religionsmonitor drei zentrale Hebel: Erstens die Chancen auf Teilhabe zu verbessern, insbesondere im Bildungssystem. Zweitens die institutionelle Gleichstellung der islamischen Religionsgemeinschaften mit den christlichen Konfessionen und dem Judentum gleichzustellen und somit religiöse Vielfalt anzuerkennen. Das heißt beispielsweise, dass muslimischer Religionsunterricht an Schulen, Regelungen zum Bau von Moscheen und zu islamischen Bestattungen die praktische Ausübung der Religion erleichtern würden. Und drittens interkulturelle Kontakte und interreligiösen Austausch in Schule, Nachbarschaft und Medien zu fördern.

Mehr Informationen und die Studie zum Download hier.

Besuch bei Luthers

Ein Schaufenster in der Wittenberger Altstadt.

Viele Wege führen in diesem Jahr nach Wittenberg und an einem verregneten Julitag waren auch wir dort. Die Kleinstadt an der Elbe kam einst groß raus durch den hier residierenden Kurfürsten Friedrich den Weisen. Der fromme sächsische Herrscher, der über eine riesige Reliquiensammlung verfügte (mehr als 19.000 Objekte mit einem Gegenwert von rund 2 Millionen Jahren Ablass, wie auf Wikipedia zu erfahren ist), war zugleich durchaus reformfreudig und aus machtpolitischen Gründen kaiser- und papstkritisch. So holte er sich einige innovative Köpfe an den Hof. Neben der berühmten Malerfamilie Cranach zählte dazu der aufmüpfige Mönch Martin Luther, von dem überliefert wird, er habe seine 95 Thesen gegen den Ablass an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt (was so historisch nicht belegbar ist). Jedenfalls gibt es heutzutage an der Schlosskirche eine Tür, in die die Thesen eingeprägt sind. Als Touristin läuft man schnell vorbei, denn dieses Tor ist nicht der Eingang, den findet man nach ein bisschen Suchen auf dem Innenhof.

Vermutlich geht es nicht wenigen auswärtigen Lutherreisenden ähnlich. Sie spazieren durch die idyllische Altstadt von Wittenberg – die tatsächlich, so sagt es eine städtische Tourismusverantwortliche, seit der Wende autofrei ist – und müssen erst einmal sortieren, was hier alles Luther ist und wie man hinkommt. Was uns her lockte, war die Ankündigung einer Kunst- und einer Weltausstellung. Das klingt großartig und wenn es nicht so entsetzlich geregnet hätte, wären wir sicherlich ausgiebig durch den wunderbaren Grüngürtel flaniert, um durch die sieben “Torräume” zu gehen und bei den verstreuten Pavillons, Zelten und Installationen von Kirchen und kirchlichen Organisationen vorbeizuschauen. Vielleicht wären wir auch auf den 27 Meter hohen Bibel-Turm geklettert, der ansonsten für vom Bahnhof Ankommende wie ein übergroßes Werbeplakat der neuen Lutherbibel wirkt. So aber haben wir nur die Schweizer im Grüngürtel besucht, die ein amüsantes Alphabet der Schweizer Reformation ausgehängt und den hinteren Teil ihres Messezeltes sehr schön zum Grün hin geöffnet haben. Zudem gerieten wir auf der Regenflucht in einen einsamen Pavillon, in dem verschiedene Videos liefen, die, so mutmaßten wir, im nördlichen Skandinavien spielten und in einem Regenwald der südlichen Hemisphäre. Außerdem haben wir am Vorabend (ein Dienstag, Achtung, da ist die Weltausstellung zu) die Lichtkirche der EKHN gesucht und gefunden, die eindrücklich in verschiedenen Farben leuchtet (bitte von der Altstadt kommend nicht direkt dem Lichte nach gehen, man gerät sonst in Versuchung, über das beschrankte Polizeigelände zu laufen).

Am Morgen, nach ausgiebigem Frühstück im Hotel Luther, besuchten wir aber zunächst das Cranach-Haus am Marktplatz. Mit unseren Weltausstellungstickets spazierten wir einfach rein (es war kein Pförtner da) und erfuhren erst später, dass wir extra hätten bezahlen müssen. Anderen ahnungslosen Touristen ging es ähnlich, hörten wir in Gesprächen, sie wollten auf den Spuren Luthers wandeln, aber all diese Orte – wie das Lutherhaus und das Melanchthonhaus – sind nicht Teil des kirchlichen Ausstellungsprojekt zum Reformationsjubiläum. Wir sind trotzdem hinein auch ins Lutherhaus und haben bei der Gelegenheit die benachbarte Nationale Sonderausstellung “Luther! 95 Schätze – 95 Menschen” besucht. Von der hatten wir bislang kaum etwas gelesen und uns unter dem Titel auch wenig vorstellen können. Umso beeindruckter waren wir, was hier zusammengetragen wurde an Originaldokumenten und Kunstwerken rund um Luther und die Glaubenswelt, der er entstammt. Die 95 Köpfe, von Karl May bis Friedrich Engels, die sich allesamt positiv aufnehmend wie abgrenzend auf Luther beziehen, sind auch etwas Betrachtungs- und Lesezeit wert – leider hatten wir die gar nicht eingeplant.

Stattdessen haben wir uns ausgiebig im Alten Gefängnis die Kunstausstellung “Luther und die Avantgarde” angesehen. 70 international namhafte Künstler haben sich dort Gedanken gemacht, was Luther ihnen heute noch bedeutet. Nicht alle, das wird beim Gang entlang der Gefängniszellen spürbar, haben viel mit dem Thema am Hut. Sie landen dann schnell bei sich selbst, wie etwa Ai Weiwei, der einen Betonblock in die Zelle stellt, der, aufgeschnitten, die Körperformen eines Eingeschlossenen sichtbar macht. Stephan Balkenhol hat nur einen nackten Mann auf einen Sockel gestellt, aus Holz grob gehauen, aber doch mit feinem Sinn für Proportionen und körperliche Details. Davor bleibt man stehen und schaut ihn und sich an. Thomas Huber beschäftigt sich wie andere Künstler mit der Frage nach dem Bild, seiner Angemessenheit und Rechtfertigung. Das verbindet Kunst und religiösen Glauben und wird von Huber auf intelligente wie andachtsvolle Weise gelöst: In seiner Zelle werden abgehängte Bilder zu Leerstellen, die ebenso leuchten wie das Licht, das durch das vergitterte Fenster auf den Boden fällt.

Verharrt haben wir auch bei dem Roboter des Künstlerkollektivs robotlab, der die Zeit der Ausstellung nutzt, um die gesamte Bibel mit einem übergroßen Füllfederhalter Zeile für Zeile in perfekter Schrift aufzuschreiben. Das tut er in einer meditativen Ruhe, die mit Sicherheit auch die im Mittelalter schreibenden Mönche benötigten – die aber heute wohl nur noch Maschinen aufbringen. Wir jedenfalls waren in Hetze und wollten vor der Zugabfahrt noch das riesige Luther-Panorama von Yadegar Asisi sehen, das tatsächlich einigen Schauwert hat.

Fazit: Ein Tag reicht kaum für das Ausstellungsprogramm, das Kirche und Museen zum Reformationsjubiläum aufgefahren haben. Wir hätten uns gewünscht, die verschiedenen Akteure hätten sich etwas mehr abgesprochen und für die lutherinteressierten Gäste ein übersichtliches, inhaltlich attraktives Paket mit geeignetem Ticket für alle Orte geschnürt. Denn Wittenberg ist durchaus eine zweitägige Reise wert. Die Stadtkirche St. Marien mit dem Cranach-Altar sowie die verschiedenen Antiquariate und Trödelläden auf der langen Schloss- und Collegienstraße haben wir zum Beispiel gar nicht mehr geschafft. Der Vietnamese am Markplatz ist mit seinem reichhaltigen Büffet für eine Mittagspause sehr zu empfehlen.